Wie kann ich meine Schule für KI-gestützte tutorielle Systeme begeistern?

14.09.2026 | Schulpraxis

Der Einsatz KI-gestützter tutorieller Systeme beeinflusst alle an einer Schule: Lernende, Lehrkräfte und auch Eltern. Das eigene Kollegium mitzunehmen, wenn man sich dafür entscheidet, ist essenziell für eine positive Umsetzung. Alexander Franz, stellvertretender Schulleiter am Ostalb-Gymnasium in Bopfingen, beschäftigt sich in seinem Statement insbesondere mit der Frage, wie Künstliche Intelligenz pädagogisch sinnvoll und arbeitsökonomisch in schulische Prozesse integriert werden kann.


Alexander Franz (stellvertretender Schulleiter am Ostalb-Gymnasium in Bopfingen)

Aus Sicht eines Schulleitungsmitglieds beginnt die Begeisterung für KI-gestützte tutorielle Systeme nie bei der Technik, sondern immer bei den Menschen, die diese Systeme später im Schulalltag einsetzen wollen und sollen. Neue Anwendungen werden an einer Schule nicht allein deshalb angenommen, weil sie innovativ sind (denken Sie an die Sprachlabore im vergangenen Jahrhundert). Sie müssen einen erkennbaren Nutzen für den Anwender oder die Anwenderin haben, verständlich sein und sich sinnvoll in bestehende Arbeits-, Lebens- und Lernprozesse einfügen. Der entscheidende erste Schritt ist deshalb, die Lehrkräfte zu aktivieren, motivieren und mitzunehmen. Sie sollen KI-gestützte Systeme später im Unterricht einsetzen (wollen), deren Ergebnisse beurteilen und die Lernenden im Umgang damit professionell begleiten. Das kann nur gelingen, wenn sie zuvor selbst positive Erfahrungen mit solchen Anwendungen sammeln konnten. Lehrkräfte müssen ausprobieren können, was ein System leisten kann, wo seine Grenzen liegen und an welchen Stellen weiterhin ihre eigene fachliche und pädagogische Entscheidung gefragt ist. Sie müssen erkennen können, dass sie weiterhin ein wichtiger Bestandteil des Gesamtsystems Schule bleiben werden.

Besonders überzeugend sind Anwendungen dann, wenn sie einen konkreten arbeitsökonomischen Vorteil bieten. Der schulische Alltag ist von zahlreichen wiederkehrenden Aufgaben geprägt: Unterrichtsmaterialien müssen angepasst, Aufgaben differenziert, Rückmeldungen formuliert und Informationen für unterschiedliche Zielgruppen aufbereitet werden. Wenn KI-Anwendungen bei solchen Tätigkeiten sinnvoll unterstützen können, entsteht ein unmittelbarer Mehrwert. Aus einer abstrakten Diskussion über Künstliche Intelligenz wird eine praktische Erfahrung: Das System kann meine Arbeit erleichtern, ohne mir die Verantwortung abzunehmen. Denkbar wären deshalb strukturierte Workflows für typische Tätigkeiten von Lehrkräften. Diese könnten Schritt für Schritt durch einen Arbeitsprozess führen und dabei nicht nur Ergebnisse erzeugen, sondern auch erklären, wie diese zustande kommen und wie sie überprüft werden müssen. Lehrkräfte würden damit gleichzeitig lernen, KI kompetent zu nutzen. Ein solches System wäre gewissermaßen selbst ein tutorielles Angebot für Lehrkräfte und könnte ihnen helfen, Sicherheit im Umgang mit KI-Anwendungen zu gewinnen. Diese eigene Erfahrung halte ich für besonders wichtig, um auch Vertrauen in diese Systeme zu erhalten. Wer selbst erlebt hat, wie ein tutorielles System unterstützt, lenkt oder möglicherweise auch in eine falsche Richtung führt, kann dessen Einsatz im Unterricht wesentlich besser beurteilen. Lehrkräfte können dann fundierter entscheiden, wann ein solches System einen Lernprozess bereichert und wann eine persönliche Erklärung, ein gemeinsames Gespräch oder eine andere Unterrichtsform geeigneter ist.

Für Schülerinnen und Schüler sehe ich ein großes Potenzial vor allem dann, wenn tutorielle Systeme nicht lediglich digitale Arbeitsblätter bereitstellen. Lernen gelingt besonders gut, wenn Anforderungen zum individuellen Lernstand passen, Fortschritte sichtbar werden und Rückmeldungen unmittelbar erfolgen. An dieser Stelle können Elemente aus guten Spieleumgebungen hilfreich sein, die Lernende im Flow-Bereich halten. Das Konzept Gamification sollte dabei nicht auf das Sammeln von Punkten oder Abzeichen reduziert werden. Entscheidend ist vielmehr, dass Lernende klare Ziele erhalten, Aufgaben als bewältigbar erleben und sich schrittweise weiterentwickeln können. Ein gutes System könnte die Schwierigkeit anpassen, bei Bedarf Hinweise geben und unterschiedliche Lösungswege zulassen. Idealerweise entsteht dabei ein Lernfluss, in dem Schülerinnen und Schüler konzentriert arbeiten, ohne über- oder unterfordert zu sein (Flow-Bereich).

Die Lehrkraft bleibt in einem solchen Lernsetting weiterhin unverzichtbar. Ich sehe sie bildlich gesprochen als Spielleitung, als Game-Master. Sie legt die pädagogischen Ziele fest, gestaltet den inhaltlichen Rahmen und entscheidet, an welcher Stelle ein tutorielles System eingesetzt wird und wo nicht. Sie beobachtet, wie die Lernenden arbeiten, erkennt Überforderung oder Fehlvorstellungen und unterstützt dort, wo eine technische Rückmeldung allein nicht ausreicht. Sie spricht den Lernenden Mut zu, lobt und kritisiert diese und steht ihnen zur Seite. Gerade in einer zunehmend digital geprägten Lernumgebung wird diese Rolle wichtiger. Ein System kann Aufgaben auswählen, Hinweise geben und Lernfortschritte dokumentieren. Es kann jedoch nicht die pädagogische Beziehung ersetzen. Lehrkräfte müssen weiterhin einordnen, motivieren, hinterfragen und dafür sorgen, dass aus der Bearbeitung von Aufgaben tatsächliches Verstehen entsteht.

Gleichzeitig stellen sich bei KI-gestützten tutoriellen Systemen noch zahlreiche offene Fragen. Je stärker ein System Lernstände bewertet, Lernwege steuert oder pädagogische Entscheidungen beeinflusst, desto höher sind die Anforderungen an Datenschutz, Transparenz, Sicherheit und menschliche Kontrolle. Durch den europäischen AI Act können bestimmte Anwendungen im Bildungsbereich als Hochrisiko-KI-Systeme eingeordnet werden. Ich bin daher gespannt, wie es gelingen wird, leistungsfähige tutorielle Systeme für Schulen zu entwickeln, die diese hohen rechtlichen und ethischen Anforderungen erfüllen und zugleich im schulischen Alltag praktikabel bleiben. Für Schulen wird entscheidend sein, dass Empfehlungen nachvollziehbar sind, Lehrkräfte die Kontrolle behalten und keine pädagogisch bedeutsame Entscheidung allein durch ein technisches System getroffen wird.

Eine Schule lässt sich aus meiner Sicht dann für KI-gestützte tutorielle Systeme begeistern, wenn Lehrkräfte zunächst selbst einen konkreten Nutzen erfahren, die Systeme schrittweise kennenlernen und an ihrer Einführung beteiligt werden. Begeisterung lässt sich nicht anordnen. Sie entsteht durch verständliche Anwendungen, positive Erfahrungen und die Erkenntnis, dass KI die pädagogische Arbeit sehr gut unterstützen kann. Das Ziel darf daher nicht sein, möglichst schnell möglichst viel KI in die Schule zu bringen. Das Ziel muss sein, Systeme zu entwickeln und einzusetzen, die Lehrkräfte entlasten, Schülerinnen und Schüler zum Lernen motivieren und die pädagogische Verantwortung des Menschen stärken.

Gepostet von: t.schilling
Kategorie: Schulpraxis