Diagnose, Förderung und Mitbestimmung in der Grundschule
14.10.2026 | SchulpraxisJohannes Wolz ist stellvertretender Schulleiter der Carl-Küstner-Grundschule in Guntersblum (Rheinland-Pfalz). Erfahrungen und Gedanken zum individualisierten Lernen, zur Schulentwicklung und digitalen Bildung teilt er unter anderem auf seinem Blog „Milos Welt“. Im folgenden Kurzbeitrag befasst er sich mit Potenzialen und Herausforderungen von Learning Analytics und tutoriellen Systemen in der Grundschule.
Wer in der Primarstufe unterrichtet, kennt die Situation: Während ein Kind eine Aufgabe längst durchdrungen und beendet hat, benötigt ein anderes noch Zeit, Anschauungsmaterial oder individuelle Erklärungen. Ein drittes Kind hat das Prinzip grundsätzlich verstanden, scheitert aber an der Aufgabenstellung. Gleichzeitig soll die Lehrkraft beobachten, beraten, Rückmeldung geben und für jedes Kind passende nächste Lernschritte im Blick haben.
Individualisierung ist im Alltag der Primarstufe unumgänglich. Kinder bringen unterschiedlichste Voraussetzungen mit, lernen unterschiedlich schnell und benötigen vielfältige Zugänge. Die Herausforderung besteht darin, dieser Heterogenität unter den bestehenden schulischen Bedingungen gerecht werden zu können. Bei oftmals mehr als zwanzig Kindern in einer Lerngruppe ist das nur begrenzt zu bewältigen.
Genau hier sehe ich ein wichtiges Potenzial von Learning Analytics und tutoriellen Systemen. Nicht, weil digitale Systeme Kinder besser kennen würden als ihre Lehrkräfte, sondern weil sie bestimmte diagnostische und organisatorische Prozesse deutlich erleichtern können. Ein aktuelles Beispiel ist für mich die App 2P Primar, die wir in Rheinland-Pfalz als webbasiertes Diagnose- und Förderplanungsinstrument einsetzen. Bei den zuvor eingesetzten analogen Verfahren mussten unter anderem, zahlreiche Arbeitshefte ausgewertet und anschließend mit einzelnen Kindern vorgegebene Einzelinterviews durchgeführt werden. Auf dieser Grundlage konnte dann weiteres ergänzendes oder vertiefendes Übungsmaterial ausgewählt und bereitgestellt werden. Das war fachlich sinnvoll, im Unterrichtsalltag aber mit erheblichem Aufwand verbunden. In der App 2P Primar finden Teile der Lernstandserhebung als sogenannte „Screenings“ digital statt. Die Ergebnisse werden automatisch ausgewertet und können anschließend als Grundlage dafür dienen, passende Übungen (digital oder analog) auszuwählen und zuzuweisen.
Der Mehrwert liegt für mich hier sehr konkret in der Entlastung. Wenn ich nicht mehr 22 Arbeitshefte Seite für Seite auswerten muss, gewinne ich Zeit. Wenn Ergebnisse übersichtlich aufbereitet werden, kann ich schneller erkennen, in welchen Bereichen einzelne Kinder Unterstützung benötigen oder ob sich bestimmte Schwierigkeiten innerhalb der Lerngruppe häufen. Lernentwicklungen lassen sich außerdem leichter über einen längeren Zeitraum betrachten. Das ersetzt meine Beobachtungen im Unterricht nicht, sondern ergänzt sie um strukturierte Informationen. Auch tutorielle Systeme können sinnvoll sein, wenn sie Kindern zusätzliche Möglichkeiten zum Üben eröffnen, unmittelbare Rückmeldungen geben oder eine Aufgabe auf unterschiedliche Weise erklären. Gerade in offenen Lernsettings kann dies dazu beitragen, dass Kinder selbstständiger weiterarbeiten und nicht bei jeder Rückfrage auf die Lehrkraft angewiesen sind.
Wie Heidrun Allert in ihrem Resonanzraum-Beitrag vom 07.09.2026 verdeutlicht, erfassen digitale Systeme allerdings immer nur bestimmte, zuvor modellierte Aspekte von Lernprozessen. Je nach System lassen sich aus Bearbeitungszeiten, Fehlern, Eingaben oder angeforderten Hilfen wichtige Hinweise gewinnen – sie bilden Lernen aber nicht in seiner ganzen Komplexität ab. Ein System kann feststellen, dass ein Kind bestimmte Aufgaben häufig falsch löst oder ungewöhnlich lange dafür benötigt. Daraus lässt sich aber noch nicht automatisch ableiten, warum das so ist. Vielleicht wurde die Aufgabenstellung nicht verstanden. Vielleicht wurde eine sinnvolle Strategie an einer Stelle falsch ausgeführt. Vielleicht hat sich ein Kind bewusst für einen Umweg entschieden. Solche Zusammenhänge erschließen sich erst im Gespräch, in der Beobachtung und in der Auseinandersetzung mit konkreten Lösungswegen.
Gerade in der Primarstufe geht es zudem um weit mehr als fachlichen Kompetenzzuwachs. Kinder lernen, miteinander zu arbeiten, eigene Fragen und Ideen zu entwickeln, unterschiedliche Lösungswege auszuprobieren, Schwierigkeiten auszuhalten, Konflikte auszuhandeln und zunehmend Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen. Vieles davon lässt sich digital kaum angemessen erfassen. Die Aussagekraft erhobener Daten bleibt damit zwangsläufig begrenzt – und Individualisierung darf nicht auf die möglichst passgenaue Zuweisung von Aufgaben reduziert werden. Zu einer individualisierenden Lernkultur gehört für mich auch, dass Kinder selbst Einfluss auf ihr Lernen und ihr schulisches Umfeld nehmen können: durch Wahlmöglichkeiten, eigene Fragestellungen oder die Mitgestaltung von Themen und Projekten. Dazu gehört für mich unbedingt auch ein mitbestimmungswirksamer Klassenrat. Dort bringen Kinder eigene Anliegen ein, handeln Lösungen aus und übernehmen Verantwortung für das gemeinsame Schulleben. Diese Beteiligung kann sich bis in ein Schulparlament fortsetzen.
Ebenso wichtig ist Transparenz: Wenn digitale Systeme Daten über Lernprozesse sammeln und daraus Rückmeldungen oder Empfehlungen ableiten, sollten auch Kinder der Primarstufe altersangemessen verstehen können, was dabei geschieht und welche Bedeutung diese Informationen für ihr Lernen haben.
Fazit
Learning Analytics und tutorielle Systeme können einen wichtigen Beitrag leisten, wenn sie Schwierigkeiten früh sichtbar machen, Lehrkräfte bei zeitintensiven diagnostischen Prozessen entlasten und Kindern zusätzliche Möglichkeiten zum Üben und Lernen eröffnen. Ihr Potenzial liegt für mich gerade darin, Individualisierung unter den Bedingungen des Schulalltags besser bewältigbar zu machen. Dabei darf Individualisierung jedoch nicht auf möglichst passgenaue Lernangebote verengt werden. Sie umfasst für mich ebenso die Möglichkeit der Kinder, eigene Ziele zu verfolgen, Entscheidungen zu treffen und ihr Lernen und ihr schulisches Umfeld mitzugestalten.
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